Webevangelist Thomas Pfeiffer widmet sich der Idee der “Internet-Leer-Abgabe”, die Sascha Knöchel analog zur Leermedienabgabe für Tonträger entwickelt hat. In dem Clip und im zugehörigen Blog-Text stellt er dar, dass eine solche Pauschale durchaus funktionieren könnte:
In der kommenden Woche startet das Bayerische Fernsehen ein Experiment: die Rundshow. Die Macher beschreiben das Format als Plattform nicht als Sendung – auch wenn sie vier Wochen lang abends live im Fernsehen ausgestrahlt wird. Die Rundshow soll nicht nur sprachlich an die Haupt-Nachrichtensendung des BR erinnern, sie leiht sich von deren Nachtausgabe auch den Moderator aus. Richard Gutjahr präsentiert vier Wochen lang diese besondere Form der Spätnachrichten im Bayerischen Fernsehen – mit prominenter und eben bewusst nicht prominenter Unterstützung: Sascha Lobo macht mit, aber vor allem die Zuschauer.
Weil Richard Gutjahr (mit dem ich persönlich bekannt bin) die Kommunikation mit dem aktiven Rezipienten zum zentralen Punkt im Konzept der Sendung erhoben hat (und genau dies eines der zentralen Themen dieses Blogs ist), habe ich ihm ein paar Fragen zum Thema Community-Management und Dialog im Fernsehen gestellt.
Seit Jahren wird von Interaktivität in der Medienproduktion gesprochen. Für die Rundshow setzt Ihr das jetzt tatsächlich live um. Wie ist die technische Situation, die man vorfindet, wenn man Zuschauer in Echtzeit in eine Sendung einbinden will?
Man fängt quasi bei Null an. Wir beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind hervorragend aufgestellt, wenn es um das Produzieren von Inhalten und das Senden dieser Inhalte geht. Unsere Rückkanäle hingegen liegen noch weitestgehend brach. Außer dem Zuschauertelefon und der Möglichkeit, uns einen Brief oder eine Mail zu schicken, gibt es da nicht viel. Wir müssen da noch gewaltig nachlegen, denn unser Publikum heute ist ein anderes, als das Publikum vor noch zehn Jahren.
Warum gibt es da bisher kaum Systeme, die der viel beschworenen Interaktivität helfen?
Massenmedien waren bis Ende des 20. Jahrhunderts nur auf eine one-to-many-Kommunikation hin ausgerichtet. Das heißt, diejenigen, die die Druckerpressen, die Vertriebstrukturen und die Sendemasten respektive Sendefrequenzen kontrolliert haben, haben die Konversation bestimmt. Das Internet ändert die Spielregeln. Als wir die Idee zur rundshow hatten, haben wir festgestellt, dass das meiste, was für uns in Blogs und in Sozialen Netzwerken völlig normal ist, im Fernsehen noch nicht geht: spontanes “Liken”, Kommentieren, Teilen, Einbinden etc. Wir wollten einen Teil dieser Kulturtechniken aus dem Web ins Fernsehen bringen. Umgekehrt wollen wir unsere journalistische Kompetenz und Glaubwürdigkeit, die wir als Öffentlich-Rechtliche besitzen, zurück ins Web spiegeln.
Für die Rundshow habt Ihr eine App programmiert, um mit dem Zuschauer in Kontakt treten zu können. Welche Möglichkeiten nutzt Ihr darüberhinaus?
Der Plan ist, soviel Technik auszuprobieren, wie es innerhalb von vier Programmwochen Sinn macht. Sehr gespannt bin ich beispielsweise auch auf unser Second-Screen-Angebot, das man parallel zur Fernsehsendung nutzen kann. Dort lassen sich alle Unterhaltungen über die Show, sei es auf Twitter, Facebook oder eben alle Interaktionen über unsere App einsehen. Sprich: man hat nicht nur einen direkten Draht zu uns ins Studio sondern auch zu anderen Zuschauern. Ich bin gespannt, ob wir dadurch die eine oder andere zusätzliche Diskussion anstoßen können.

Moderator Richard Gutjahr gemeinsam mit dem comoderierenden Netzreporter Daniel Fiene.
Welche technische Hürden muss man überwinden, um Facebook- und Twitter-Kommentare tatsächlich in Echtzeit in eine Sendung im TV einzubinden?
Man muss viele, viele Hürden überwinden. Nimm zum Beispiel die Applaus-Funktion unserer App. Die Zeitverzögerung vom Drücken der Like-Taste bis zum Signal ins Studio hatte bis vor wenigen Wochen noch fünf Sekunden betragen. Fünf Sekunden! Das ist zu lange, um diese Funktion sinnvoll in der Liveshow zu nutzen. Stell Dir vor, Du machst einen Witz und erst 5 Sekunden später setzt der Applaus bei uns im Studio ein. Unbrauchbar. Unseren Programmierern ist es dann aber gelungen, die Reaktionszeit vom Tastendruck auf der App bis zum Signal im Studio auf durchschnittlich 1,5 Sekunden zu verkürzen. Damit lässt sich arbeiten.
Neben der technischen Herausforderung steckt ja auch eine kulturelle Frage in der Zuschauerbeteiligung. DIe Debatte um Trolle und schlechte Beiträge ist allgegenwärtig. Wie löst ihr dieses Thema?
Wir haben für jeden einzelnen Kanal, also Twitter, Facebook, App, Mail, Skype, Google Hangout und Telefon je einen Redakteur, der die eingehenden Kommentare, Bilder und Videos beobachtet. Es gibt auch ein paar technische Vorkehrungen, zum Beispiel bei der App, dass uns niemand mit Mehrfachabstimmungen die Umfrageergebnisse verfälscht oder gar mit Dauerapplaus unsere Server außer Gefecht setzt.
Das klingt – technisch – ein wenig nach Call-in-Sendung im Radio. Habt Ihr Euch dort Erfahrungen abschauen können?
Ich bin ein großer Fan von Call-in-Sendungen im Radio. Fernsehen ist das kontrollierteste Medium von allen. Überschminkte Moderatoren lesen Texte, die sie oft noch nicht mal selbst geschrieben haben, vom Prompter ab. Wenn es uns gelingen sollte, ein wenig mehr Authentizität und Spontanität vom Radio zurück ins Fernsehen zu bringen, denke ich, ist allein das schon den Versuch wert.

Blick hinter die Kulisse: das rundshow-Studio in Freimann während einer Probe
Braucht man für eine derartige Form der Zuschauerbeteiligung neue oder andere Journalisten? Worauf achtet Ihr bei der Mitarbeiterauswahl?
Da legst Du den Finger auf einen wunden Punkt. Wir hatten anfangs tatsächlich Probleme, unsere Social-Network-Positionen alle zu besetzen. Es gibt nicht viele Leute, die wissen, worauf es bei Twitter ankommt oder wie man einen Google Hangout moderiert. Das sind Fähigkeiten, die noch nicht besonders ausgeprägt sind in unseren Redaktionen.
Fakten zur Rundshow:
Am Montag 14. Mai läuft die erste Folge der Sendung. Vier Wochen lang von Montag bis Donnerstag um 23.15 Uhr wird Richard Gutjahr gemeinsam mit einem Co-Moderator (Sascha Lobo, Daniel Fiene, Sandra Rieß u.a.) und mit seinen Zuschauern das Tagesgeschehen aufarbeiten.
(Fotos: Mathias Vietmeier, weitere Bilder auf Facebook)
Peter Horrocks von der BBC hat vor einer Weile gesagt, Journalisten kämen nicht umhin, die Folgen Ihres Publizierens nachzuhalten und darauf zu reagieren. Gilt das in Zukunft auch für Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland? Also: Müssen wir jetzt alle twittern?
Ja, ich denke das müssen wir in der Tat. Wir Journalisten betonen ja gerne, dass es ohne uns nicht ginge, dass nur wir durch unsere Recherche Informationen zutage fördern, selektieren und einordnen können. Wie aber wollen wir das tun, wenn wir uns weiterhin so beharrlich weigern, die wechselseitigen Mechanismen des (Social) Webs zu lernen? Twitter ist für mich ein wichtiges Recherchetool, ein Kulturtechnik, ein Informationsnetzwerk, wertvoller als jede Nachrichtenagentur. Wer sich mit damit nicht ernsthaft befasst, wird das freilich nie begreifen.
Das nächste große Ding in Sachen Fernsehen scheint jetzt “Social TV” zu sein. Wie stehst du zu diesem Schlagwort?
Gespalten. Ich habe den Verdacht, Buzz-Words wie Crossmedia, Social Media oder jetzt eben Social TV werden allein dazu erfunden, um wieder ein Thema für die nächste Medienkonferenz zu haben. Ich gehöre zu den Leuten, die Dinge lieber ausprobieren, als nur darüber zu reden. Ob unser Projekt die Antwort darauf ist, was das Fernsehen der Zukunft ausmacht, kann ich nicht sagen. Was ich sagen kann, ist, dass wir zumindest schon mal die richtigen Fragen kennen, um das Medium Fernsehen weiterzudenken. Welche digitale Sau dann nächstes Jahr durch das mediale Dorf getrieben wird, kann ich beim besten Willen nicht sagen.
Das da ist der Song Shake Your Rump vom Album Paul’s Boutique der Beastie Boys. Seit Freitag klingt diese Musik anders als zuvor.
Rap ist ab heute nur noch halb so groß. Fuck.
schrieb Nilz Bokelberg in seinem Nachruf auf Adam Yauch alias MCA von den Beastie Boys und benannte eine für mich nachvollziehbare Trauer:
Ich werde die Beastie Boys nie wieder live sehen. Sie werden nie wieder eine neue Platte machen. Die Welt ist so viel ärmer ohne die kompromisslose Kreativität dieses wahnwitzigen Trios. Ich vermisse jedes Lied, das sie nicht mehr schreiben konnten.
Es gibt aber offenbar noch mehr zu vermissen, wenn man dem folgt, was Matthew Yglesias im Slate-Magazin schreibt. Er lobt zunächst den kreativen Charakter des Beastie-Boys-Sampling und stellt dann fest:
The sampling gave Paul’s Boutique a sound that remains almost as distinctive today as it was when it was released in 1989. Perhaps the main reason—and certainly the saddest reason—that it still sounds distinctive is that a rapidly shifting legal and economic landscape made it essentially impossible to repeat.
Er beschreibt einen Umgang mit Sampling und Referenzkultur, der Malcolm Gladwell bereits 2004 am Beispiel der Beastie Boys nachgegangen war. In Gladwells Text gibt es die schöne Szene wie sich der Musikwissenschaftler ans Klavier setzt, um den Diebstahl eines Samples zu besprechen:
The chief expert witness for the Beastie Boys in the “Choir” case was Lawrence Ferrara, who is a professor of music at New York University, and when I asked him to explain the court’s ruling he walked over to the piano in the corner of his office and played those three notes: C, D-flat, C. “That’s it!” he shouted. “There ain’t nothing else! That’s what was used. You know what this is? It’s no more than a mordent, a turn. It’s been done thousands upon thousands of times. No one can say they own that.”
Dabei ging es übrigens um die Töne, die in diesem wunderschönen Clip vermeintlich von Grobi gespielt werden:
In Zeiten von persönlichen Nachrufen ist es vielleicht angemessen, an eines meiner prägenden Beastie Boys-Erlebnisse zu erinnern. Es hängt eng mit der im Titel zitierten Forderung zusammen, die im November 2004 auf einem Wired-Cover las, das ich mir samt Heft in New York am Flughafen kaufte. Nicht dass ich ständig Wired-Ausgaben in New York kaufe, aber diese ist mir aus doppeltem Grund in Erinnerung geblieben (nicht nur weil es meine einzige JFK-Ausgabe blieb): Hier machten sich die Beastie Boys zu Fürsprechern für Creative Commons – im Jahr 2004. Dem Heft lag eine CD (sic!) bei, die die Redaktion mit den Worten umschrieb: “copyrighted for the 21st century”
Aktualisierung: Nerdcore weist darauf hin, dass exakt einen Tag von dem Tod MCAs die “Tuf America Records” die Beastie Boys wegen eines Samples u.a. aus Paul’s Boutique verklagt hat
Die so genannte Frühkritik der FAZ im Netz mit dem Titel Ein Stück in vier Akten wurde heute selber zu einer Art Schauspiel zum Thema Kommunikation in Zeiten digitaler Transparenz – und das kam so:
Johannes Ponader, seit einer Woche politischer Geschäftsführer der Piraten, der es am Sonntag als barfüßiger Gast in der Rolle des bunten Vogels in der Jauch-Runde zu einiger Berühmtheit brachte, hat mit seinem Auftritt offenbar auch FAZ-Autor Frank Lübberding verwirrt. Jedenfalls hielt dieser es für angemessen, den “Gesellschaftskünstler” Ponader mit einem anderen “Gesellschaftskünstler” zu vergleichen, der aus einem Wiener Männer-Asyl den Weg in die Politik suchte.
Da der Vergleich im FAZ-Text nicht mehr enthalten ist, hier ein Tweet, der die Parallele dokumentiert:
@zeitrafferin @flueke ratöng! twitter.com/PickiHH/status…
— Tina Pickhardt (@PickiHH) Mai 7, 2012
Ponader war damit aus nachvollziehbaren Gründen nicht einverstanden. Er wandte sich fragend an FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher , der seit ein paar Wochen auf Twitter aktiv ist …
Sehr geehrter @fr_schirrmacher, ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie eine solche Geschmacklosigkeit in ihrer Zeitung auch nur zehn …
— Johannes Ponader (@JohannesPonader) Mai 7, 2012
… und dann bewies, wozu die von den Piraten gepriesene Transparenz gut ist: zum Beispiel um Fehler einzugestehen. Er schrieb:
@JohannesPonader Habs jetzt gesehen. Ich entschuldige mich bei Ihnen. Die FAZ wird es auch gleich online tun.
— frankschirrmacher (@fr_schirrmacher) Mai 7, 2012
Der so angesprochene Ponader akzeptierte die Entschuldigung für die „unangemessene historische Anspielung“ wie die Online-Redaktion der FAZ den nach dem Schirrmacher-Tweet gelöschten Hitler-Vergleich nannte. Er ging sogar noch weiter und lobte Schirrmachers schnelle Reaktion als Beispiel für andere Politiker, die lernen wollen wie man mit Hilfe von Twitter kommuniziert.
Der Autor selber ging etwas anders mit der kurzen Debatte um. Er schrieb:
@DetlefGuertler @coduck Nur zur Klarstellung: Es ging nicht um Gleichsetzung, sondern um Milieubeschreibung. Darüber darf jeder nachdenken.
— f.luebberding (@luebberding) Mai 7, 2012
Auch die Leser der Frühkritik auf faz.net lies man vergleichweise ratlos zurück. Sie erfuhren lediglich von einer„unangemessenen historischen Anspielung“, die aber nicht näher ausgeführt wurde. Um sie im Original zu lesen, müssen sie auf Pastebin.com gehen, wo jemand den Text in seiner ursprünglichen Versionen veröffentlcht hat.
Aktualisierung In den Kommentaren wird darauf hingewiesen, dass der Autor der Frühkritik sehr wohl zum Thema diskutiert – allerdings nicht bei der FAZ, sondern auf wiesaussieht.de; und auch hier in den Kommentaren.
Nein, das Bild vom Klassentreffen stimmt nicht. Die republica ist viel besser als es eine Schule je sein könnte. Ich durfte diese Erfahrung in diesem Jahr auf der Stage 5 machen (wo ich die Ideen meines Buchs vorstellen durfte) und bin immer noch begeistert vom Feedback. Euch allen: Vielen Dank!!
Zur Dokumentation für alle, die dabei waren und zur Inspiration für alle, die nicht dort waren, hier zumindest die Clips aus dem Vortrag. Sollte es einen Mitschnitt geben, werde ich ihn hier posten. Bis dahin die Videos, die aufmerksame Blog- und Buchleser vielleicht schon kennen könnten.
Ende 2011 gab es in Berlin eine Austellung namens Scratch’n'Cut, deren Trailer sehr anschaulich illustriert, was eigentlich ein Mashup ist:
Zur Veröffentlichung des Deichkind Albums “Befehl von ganz unten” erschien zum Jahreswechsel der Text über den Soundtrack der Digitalisierung: den Song Illegale Fans
Wiederholt war in diesem Blog bereits die Diebstahl-Debatte Thema, die einzigartig von Nina Paleys Copying Is Not Theft-Film auf den Punkt gebracht wird.
Außerdem immer wieder schön: die traumhafte Kopie des Lionel Messi:
P.S.: Das Numa-Numa-Video muss man leider außerhalb von YouTube suchen. Für den Ohrwurm hier zumindest das Lied.
Die Frage, ob die Piratenpartei das Urheberrecht abschaffen oder vielmehr reformieren möchte, ist bereits ausführlich debattiert worden. Bei Denis Simonet, der (Achtung, Piratenmetapher) auf der Brücke der Schweizer Piratenpartei tätig ist (war Vorsitzender, ist jetzt Pressesprecher) habe ich jetzt ein Zitat von Francis Gurry gelesen, der mit Blick auf die notwendigen Reformen des Urheberrechts gesagt hat:
Wir haben keine andere Wahl; entweder passt sich das Urheberrechtssystem dem natürlichen Lauf der Dinge an, oder es verschwindet. Die Geschichte zeigt, dass es unmöglich ist, den technischen Fortschritt aufzuhalten. Statt dagegen anzukämpfen, müssen wir uns dem Unvermeidlichen stellen und uns auf intelligente Weise anpassen.
Eine bessere Zusammenfassung für meine These, dass die Realität schneller als die Piratenpartei das Urheberrecht abschaffen wird, kann ich mir gerade nicht vorstellen.
Ende des Monats bin ich eingeladen im Rahmen eines Kurses an der Deutschen Journalistenschule einen Online-Block zu begleiten. Dabei bin ich sehr konkret mit der Frage konfroniert: Was heißt eigentlich Online-Journalismus?
Die Frage klingt sehr banal, es gibt aber eine Menge Anzeichen dafür, dass die Beantwortung äußerst kompliziert ist. Im Rahmen des CNN-Young Journalists Award wurde in diesem Jahr zum Beispiel mit der Begründung auf die Verleihung eines Online-Preises verzichtet, dass fast keine der eingereichten Arbeiten “mit den großartigen neuen Möglichkeiten des Onlinejournalismus” spiele. Juror und Kollege Stefan Plöchinger sagte damals: “Da war mir und uns das Signal wichtig: Redaktionen, bitte entdeckt endlich, was auf dieser interaktiven, unglaublich lesernahen, multimedialen Plattform im Jahr 2012 möglich ist! Ich nehme von der damit verbundenen Kritik niemanden aus.”
Was also macht guten Online-Journalismus – im Abgrenzung zu guten Journalismus auf Papier, im Fernsehen oder im Radio – aus? Welche spezifischen Stärken könnten Online-Journalisten für ihre Publikation und Kommunikationnutzen? Konkret: Was soll ich den Schülern an der DJS erzählen?
Zunächst mal will ich sie mit dem Zitat des ehemaligen Design-Directors der New York Times Khoi Vinh konfrontieren, der im Rahmen eines Vortrags in der Schweiz gesagt hatte:
“Analog media is a document. Digital media is a conversation.”
(bei swissmiss steht übrigens, was da genau im Hintergrund abläuft)
Und da ich das nicht nur erzählen, sondern auch ernst nehmen will, verbinde ich es mit der Frage an die Blog-Leserinnen und Leser: Was genau macht guten Online-Journalismus für Dich und Sie aus?
Ich will von Storify sprechen, von dem was Clay Shirky “soziales Lesen” nennen würde, vom Open Journalism des Guardian und von der Verbindung von Form und Inhalt wie in diesem Text über Stupid Games aus der New York Times. Was soll ich noch erzählen? Ich freue mich auf Vorschläge – in den Kommentaren, per Mail oder Twitter.
Vielen Dank!
Am Freitag wurde in Berlin der Deutsche Filmpreis verliehen. Dominik Graf schreibt dazu in Die Zeit lesenswert vom Dilemma der Subventionskulturindustrie und die CDU/CSU-Fraktion nahm den Preis zum Anlass zu einem Filmempfang zu laden, der offenbar als traditionell gilt. In jedem Fall war auch die Kanzlerin anwesend, die wie Spiegel-Online berichtet, künftig in Sachen Urheberrecht Shitstorms trotzen will:
Derzeit würden aus einer “Waffenungleichheit” plötzlich Abstimmungen über Themen erzwungen, nur weil die einen die Technik besser beherrschten als andere. “Und das kann in einer Demokratie nicht sein”, betonte die Kanzlerin.
Mir ist es bisher nicht geglückt, das direkte Zitat zu finden, das hier indirekt wieder gegeben wird. Denn natürlich wüsste ich gerne, ob die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland tatsächlich das “Erzwingen” von Abstimmungen ablehnt, weil viele Menschen sie wünschen. In jedem Fall scheint sie – wie andere zuvor ebenfalls – eine gefühlte Übermacht im Netz zu beklagen, die anderer Meinung zu sein scheint als sie. Es geht ums Urheberrecht und um Kopieren im Netz. Dazu zitiert Spiegel-Online die Kanzlerinnen-Forderung:
“Wir dürfen uns nicht wegducken bei Massenbewegungen im Internet”
Das bleibt auch durch die indirekte Wiedergabe so unklar, dass man nur bemerkt, dass die Kanzlerin offenbar gegen das Kopieren im Netz ist und nicht gewillt ist, auf das Aufkommen dieser Massenbewegung konstruktiv zu reagieren.
Erstaunlich ist aber ein anderer Punkt an der Meldung – und zwar der mit der Technik-Kompetenz. Nicht nur gibt es offenbar eine Massenbewegung im Netz. Es ist wohl zudem so, dass es dort Menschen gibt, die “die Technik besser beherrschen als andere”. Daraus solle ihnen aber – so die Kanzlerin – kein Vorteil anderen gegenüber erwachsen. Und hier sind die Kanzlerin und ich absolut einer Meinung. Denn genau darin liegt eine der zentralen Begründungen für die Legalisierung des nicht-kommerziellen Kopierens im Netz (und die Einführung einer Kulturflatrate).
Es darf nicht so sein, dass die Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen im Netz lediglich die trifft, die die Technik schlechter beherrschen als andere. Denn eine solche Situation führt zu einer Ungleichheit vor dem Gesetz: Es werden lediglich jene erwischt, die sich nicht gut auskennen. Die anderen nutzen ihr Wissen, um ihre Herkunft (IP-Adresse) zu verschleiern, vermeiden das Anbieten von urheberrechtlich geschützten Dateien (was in BitTorrents automatisch geschieht) oder nutzen One-Click-Hoster.
Ich bin kein Jurist, ich halte es aber für juristisch nicht angemessen, wenn ein Gesetz nur für die gilt bzw. dessen Durchsetzung nur bei denen verfolgt werden kann, die sich nicht auskennen. Das führt zu einer massiven Legitimationskrise des Urheberrechts, die ich gerne vermeiden möchte, weil ich ein Urheberrecht will, das die Menschen verstehen und akzeptieren (warum, steht hier). Es ist mir nämlich verdammt wichtig.
Der Spiegel-Online-Kolumnist Jan Fleischhauer ist – soweit ich das beurteilen kann – in seiner Kolumne “Der Schwarze Kanal” bisher nicht gerade als lösungsorientierter Autor in Erscheinung getreten. Dennoch ist sein Legt euch doch mit Apple an! betitelter Beitrag zur derzeit kochenden Urheberrechtsdebatte bemerkenswert. Es gelingt dem Autor nämlich, über die Dauer eines ganzen langen Kolumnentextes den Auslöser der aktuellen Urheberrechtsfragen komplett zu ignorieren. Ausführlich lässt sich Fleischhauer stattdessen über die Haltung der Piraten aus, beklagt Wortklauberei und bringt irgendwie auch den ritualisierten Sozialismus-Vorwurf in dieser Debatte unter.
Was er nicht unterbringt ist die digitale Kopie. Die Tatsache, dass erstmals in der Menschheitsgeschichte Inhalte nahezu kostenfrei und identisch verbreitet werden können, scheint ihm für die Debatte unerheblich zu sein. Jedenfalls nicht so erheblich wie die moralische Haltung der Piraten. Für Fleischhauer drückt sich diese im “Kernthema der Piraten” aus, das für ihn dies ist:
die Freigabe aller digitalen Inhalte. Wobei die Advokaten dieser Vergesellschaftung von Eigentumsrechten das so nicht nennen. Sie reden lieber von der “Entkriminalisierung” der Nutzer, beziehungsweise der “Legalisierung der nichtkommerziellen Vervielfältigung”.
Wie jemand die Freigabe von Daten fordern kann und allein mit dieser Forderung eine riesige Debatte lostritt, verschweigt Fleischhauer. Das ist nämlich nur möglich, weil vor der Forderung eine technische Veränderung in die Welt trat, die er – wie viele in der Auseinandersetzung – komplett ignoriert. Statt anzuerkennen, dass die Digitalisierung nicht wieder verschwinden wird (und mit ihr die Möglichkeit der digitalen Vervielfältigung), arbeiten sie sich ausführlich an der vermeintlichen Dummheit, Ahnungslosigkeit oder moralischen Verkommenheit der Piraten bzw. der gesamten Netzgemeinde ab. Das mag befreiend sein und vielen mögen die Piraten nun auch als willkommendes Feindbild dienen, das von gesellschaftlichen Veränderungen ablenkt, die man lieber nicht sehen will. Das Problem ist jedoch: Diese Veränderungen sind nicht rückgängig zu machen (und schon gar nicht durch moralische Appelle). Im Gegenteil: Sie beschleunigen sich quasi täglich.
Natürlich kann man sagen, dass diese Veränderungen gesellschaftlich nicht gewünscht sind und ihre Nutzung deshalb juristisch mit Strafen belegt werden soll. Wer diese Forderung jedoch ausspricht, sollte auch dazu sagen, zu welchen gesellschaftlichen Kosten dies möglich ist. Wer jedoch einzig eine vermeintlich falsche Haltung bei einer bestimmen Gruppe von Menschen dafür verantwortlich macht, dass wir derzeit über die Ausgestaltung des Urheberrechts debattieren müssen, der handelt unredlich. Denn wer bitte schön glaubt ernsthaft, dass alle Probleme gelöst wären, wenn die Piraten plötzlich sagen würden: Wir fordern – nach Lektüre des Textes von Jan Fleischhauer – das Einschließen aller digitaler Daten. Auch sind wir ab sofort für eine Privatisierung von Eigentumsrechten und gegen Sozialismus im Netz.
Wäre das Problem dann gelöst? Gäbe es dann keine digital verbreiteten Inhalte mehr? Würde das Vagabundieren der Kopien (wie Hillel Schwartz es nennt) dadurch gestoppt? Müssten wir dann nicht mehr über kriminell-kopierende Nutzer und nicht-kommerzielle Vervielfältigung diskutieren?
Eben deshalb brauchen wir eine Debatte, die in der Gegenwart ankommt und die Realität anerkennt – in der Frage, welche Schlüsse man daraus zieht, liegt noch ausreichend Streitpotenzial; sogar für provozierende Kolumnen.



